Mit dem Schlafsack unter der Kanzel?

PodiumsteilnehmerInnen (von links nach rechts): Brigitte Ewald, Inge Kuschnerus, Britta Ratsch-Menke, Sabine Zetsche + Alexander Wagner Foto: dh

PodiumsteilnehmerInnen (von links nach rechts): Brigitte Ewald, Inge Kuschnerus, Britta Ratsch-Menke, Sabine Zetsche + Alexander Wagner
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Kirchenasyl: Von Honecker bis Dublin III

Als die Moderatorin am Abend des Weltflüchtlingstages, Geschäftsführerin Britta Ratsch-Menke von Zuflucht – Ökumenische Ausländerarbeit e.V., das Thema  „Notanker Kirchenasyl“  in   St. Stephani Bremen  zur Diskussion stellte, liefen schon den ganzen Tag im Radio die neuesten Flüchtlingszahlen vom UNHCR über die Sender. Danach sind jetzt erstmals mehr als fünfzig Millionen Menschen auf der Flucht. Man stelle sich das vor: Mehr als unsere Nachbarn  Holland, Belgien, Luxemburg, Dänemark, Schweden und Norwegen zusammen Einwohner haben, fliehen in ihrer Not weltweit vor Hunger, Krieg, Tod, Verfolgung und Folter.
Sind  die gut hundert Fälle laufenden  Kirchenasyls in Deutschland da nicht nur ein Tropfen auf dem heißen Stein? Und was heißt das überhaupt – Kirchenasyl? Finden hier etwa Verfolgte klammheimlich im Sakralraum Kirche Unterschlupf, oder wie funktioniert das?

Das Kirchenasyl ist keine Erfindung der Neuzeit, wie Pastorin Inge Kuschnerus von der Melanchthon Gemeinde feststellte: Es sei schon dem Volk Israel nach seinem eigenen Schicksal in Ägypten im alten Testament aufgetragen worden. Und im Hier und Jetzt gelte das neutestamentliche Gebot: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. Die Kirche übernehme damit die Rolle einer Arche Noah – Gefährdung und Schutzraum zugleich.
Brigitte Ewald, Gemeindevorstand in der Erlöserkirche, betonte die Universalität des Kirchenasyls: „Jeder Mensch ist Geschöpf Gottes. Wir helfen mit vielen Ehrenamtlichen allen Menschen  in großer Not, auch wenn sie keine Christen sind.“
Prominentestes deutsches Beispiel: Der gottlose Erich  Honecker, obwohl selbst verantwortlich für den Schießbefehl auf Grenzflüchtlinge in der DDR, kam  in Lobetal bei Pfarrer Uwe Holmer  im Schutzraum Kirche unter und entging  damit dem Volkszorn und seiner Verhaftung durch den westdeutschen Rechtsstaat. „Vergebung gehört zu den wichtigsten Dingen“, begründete Holmer 1990 seine heftig diskutierte Entscheidung.
Sabine Zetsche von der Flüchtlingsinitiative Bremen e.V. lenkte die Aufmerksamkeit auf einen Wandel der heutigen Kirchenasylpraxis:  Dublin  III heißt das Reizwort. Danach werden alle Flüchtlinge, die in ein EU-Land eingereist sind,   nach dort wieder zurück geschickt, wenn sie hier einen Asylantrag stellen und durch ihre Fingerabdrücke identifizierbar sind.  „Deutschland entwickelt sich damit zu einem reinen Verschiebebahnhof  ohne materielle Prüfung der Asylgründe. Das Fluchtschicksal interessiert niemanden“. 90 von den im Mai gezählten 108 Kirchenasylen sind inzwischen Dublin-Fälle, weiß auch die Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche e.V.
Rechtsanwalt Alexander Wagner schilderte aus seiner Praxis, dass das Kirchenasyl keine klammheimliche Angelegenheit ist: „Jeder Fall wird den Behörden angezeigt. Theoretisch kann die Polizei auch in die Kirche rein“, das stellte er klar.  „Kirchenasyl ist kein verbrieftes Recht, das steht nirgendwo. Aber in der Realität werden Kirche und ihre Einrichtungen als Tabu-Zone vom Staat respektiert.
„Kirchenasyle gelangen nicht immer an die Öffentlichkeit“, stellte Britta Ratsch-Menke schließlich fest „Stille Diplomatie ist oft ebenso wirkungsvoll.“ Die Bewusstseinsbildung, darin waren sich alle einig, ist entscheidend für die Akzeptanz in Gemeinden und der breiten Öffentlichkeit. Denn dass Kirchenasyl Geld, bei längerer Dauer möglicherweise viel Geld kostet, das wurde am Weltflüchtlingstag in dieser Expertenrunde immer wieder thematisiert.   -dh

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